ZAWM will „Berufsausbildung kritisch beleuchten“

Das ZAWM St.Vith feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Seit 1992 ist das Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes der erste Ansprechpartner für die duale Ausbildung in der belgischen Eifel.

Von Arno Colaris

Die Leitung des ZAWM um ihren Gründungsdirektor Erich Hilger will dieses Jubiläum jedoch nicht zum Anlass nehmen, ein rauschendes Fest zu feiern, sondern sich kritisch mit dem Thema Berufsausbildung „und damit auch mit unserer eigenen Arbeit auseinanderzusetzen“, so Erich Hilger gegenüber dieser Zeitung.

Umfrage bei 150 Ausbildungsbetrieben mit interessanten Ergebnissen

Aus diesem Anlass hat das ZAWM St.Vith ca. 150 Ausbildungsbetriebe aus der Region eingeladen, an einer Umfrage teilzunehmen. Ziel dieser Initiative war es, Anregungen für die Zukunft der dualen Ausbildung in der deutschsprachigen Gemeinschaft zu erhalten. „Die enormen gesellschaftlichen Veränderungen machen auch vor der dualen Ausbildung nicht halt, und damit wir auch morgen noch ein sehr guter und verlässlicher Partner der dualen Ausbildung sind, müssen wir die richtigen Rückschlüsse aus dieser Entwicklung ziehen“, so Erich Hilger. So wird es am 15. Juni ein Kolloquium mit Impulsreferaten und Workshops zu diesem Thema geben.

Nach Auswertung der Umfrageergebnisse durch das ZAWM St.Vith kann die Problematik der Berufsausbildung in Ostbelgien aus der Sicht von Erich Hilger folgendermaßen zusammengefasst werden: „Die Wettbewerbsfähigkeit des ostbelgischen Handwerks wird unter anderem davon abhängen, ob Fachkräfte in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen. Denn angesichts demografischer Veränderungen, rückläufiger Zahlen an Nachwuchskräften und oftmals mangelnder Ausbildungsreife ist in den kommenden Jahren auch im hiesigen Handwerk verstärkt mit einem Mangel an Fachkräften zu rechnen.“

Erstaunlicherweise erwarteten die Betriebe dabei nicht in erster Linie eine ausgeprägte Fachkompetenz, sondern vor allen Dingen gefestigte Sozialkompetenzen. „Tugenden, die von den Auszubildenden erwartet werden, sind Gewissenhaftigkeit, eigenständiges Denken und selbstständiges Arbeiten, Zuverlässigkeit und Flexibilität. Außerdem wird die Bereitschaft zur späteren Weiterbildung begrüßt.“

Sozialkompetenz vielfach noch höher eingeschätzt als Fachkompetenz.

Nicht nur in den Betrieben, sondern auch im Unterricht stelle man fest, dass es zunehmend Probleme mit der Wertevermittlung gebe: „Uns ist klar, dass sich eine Schule heutzutage nicht mehr auf die reine Wissensvermittlung beschränken kann. Wenn jedoch elementare Werte wie Höflichkeit auf der Strecke bleiben, ist aber nach wie vor in erster Linie der erzieherische Auftrag der Eltern gefragt“, findet Erich Hilger. Im Gegenzug könne und müsse der Inhalt des pädagogischen Kurses für Ausbilder noch angepasst werden. „Die Verantwortlichen in den Betrieben müssen noch besser auf ihre Aufgaben als Ausbilder vorbereitet werden, um angemessen auf erzieherische Probleme reagieren zu können.“ Zentrale Bedeutung komme hier der Lehrlingsbetreuung bzw. der Unterstützung durch das Lehrlingssekretariat zu. Hervorgehoben wurde von mehreren Ausbildern in diesem Zusammenhang aber auch die Arbeit der Sozialpädagogen, die sich besonders um Lehrlinge mit Lerndefiziten kümmern.

Und auf die Frage, welche Voraussetzungen junge Menschen mitbringen sollten, um eine zukunftsorientierte Ausbildung zu machen, sei immer wieder das Wort „Motivation“ vorgekommen: „Ziel der Ausbildung sollte arbeitswillige und arbeitsfähige Fachkräfte und keine Theoretiker sein, begabte junge Leute mit Durchhaltevermögen und ohne Social-Media-Wahnkrankheit“ war eine von mehreren Antworten in diese Richtung.

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des ZAWM St.Vith wird sich das GrenzEcho übrigens im Laufe des Jahres in loser Folge mit den unterschiedlichen Herausforderungen und Problemstellungen der Berufsausbildung, aber auch der Berufsorientierung befassen.

„Insbesondere die Berufswahl muss besser vorbereitet werden, damit sich junge Menschen in ihrem späteren Berufsleben auch gut entfalten können“, so Erich Hilger.

[Grenz-Echo vom 08.03.2017]